… ich habe ziemlich genau noch drei Wochen Zeit, um aus meinen Praktikum einen Job zu machen.
Die Situation ist die: ich befinde mich im letzten Monat einer durch die Agentur und den Europäischen Sozialfond geförderten 12monatigen Weiterbildung. Konkret hieß das: acht Monate Unterricht in Berlins schrecklichster Gegend am S-Bahnhof Landsberger Allee. Dort reihen sich jenseits des Jobcenters Prenzlauer Berg ghettoartig und seelenlos häßliche Neubauten aneinander, in denen sich primär Weiterbildungseinrichtungen befinden.
Dort werden wöchentlich, monatlich, jährlich Horden von Arbeitssuchenden durchgeschleust. Mit oder gegen ihren Willen, mit oder gegen ihr Einverständnis. Aber eher gegen. Das hat zur Folge, dass die Gesichter, in die man so guckt, wenn man durch die häßlichen Gebäudereihen läuft, nicht grade vor Glückseeligkeit strahlen. Genau genommen sieht man vollkommene Perspektivlosigkeit. Abgetörnte uninspirierte blaße Menschen stehen vor den Häusern und rauchen noch schnell eine, bevor die Weiterbildungsmühle sie wieder schluckt.
Unterricht täglich von 8 bis 15 Uhr 15. Drei Pausen. Drei täglich zu leistende Unterschriften. Stundenzettel. Module. Vorlagen für Abwesenheitsbegründungen mit Stempelfeldern, Abmahnungsschreiben, Bürokratieterror. Acht lange Monate, von denen nicht jeder schlecht war. Ich glaube, ich war nicht an einem einzigen Tag pünktlich. Irgendwann wurde das Zuspätkommen zur Ehrensache. Und das Abmahnungsschreiben auch.
Meine Klasse setzte sich aus einem munter-heterogenen Grüppchen von Hartzies zusammen, die aus aller Herren sozialen Schichten kamen. Dreimal soviel Männer wie Frauen, Durchschnittsalter Mitte 40. Ich gehörte mit Anfang 30 jedenfalls zu den Jüngsten. Bis auf einige Ausnahmen waren sie mir (vor allem anfangs) nur mäßig symphatisch, meine unverhofften Mitstreiter/innen. Aber 12 Monate sind eine lange Zeit und geteiltes Leid ist halbes Leid. Man arrangiert sich. Irgendwann wurden wir tatsächlich so etwas wie ein Klassenverband.
Nach acht Monaten Unterricht gelangten wir im August in die „Praktikumsphase“: Ein Monat im „Ausland“ (Hochsommer in Wien: es war ganz wunderbar!) und drei Monate in Berlin. Und jetzt verbleiben nur noch drei Wochen. Nach einem beinahe ruinösen Fehltritt bei einem elitären deutschen Institut für angewandte Forschung im September bin ich nun seit knapp sechs Wochen im Praktikum bei einem Unternehmen in Berlin-Mitte, wo es mir sehr gut gefällt.
Gestern durfte ich das erste Mal „mit zum Kunden“: um 4 Uhr aufstehen, Stunden im Zug Richtung Westdeutschland, meeting um 9:30, Präsentation, Werksbesichtigung, Mittagessen, Absprachen, zurück zum Bahnhof und wieder nach Berlin. Phew. Aber es lief fantastisch. Der Kunde mochte mich sogar so gerne, dass er mich kurzerhand zu einer technischen inhouse-Schulung für nächste Woche eingeladen hat. Zwecks Kooperation. Nicht so schlecht.
Dieser Tag gab mir zudem die unerwartete Gelegenheit, einmal mit meiner Chefin Zeit zu verbringen, die sie nämlich sonst nie hat. Und dabei stellte sich heraus, dass es tatsächlich Anstellungsperspektiven im Hause gibt, man meine Arbeit sehr schätzt und denkt, ich würde gut ins Team passen. Sie sähe mich im Bereich Konzeption, Authoring und Projektmanagement. Oha.
So ganz traue ich dem Braten nicht. Aber Grund genug, ein positives Fazit zu meinem jüngst unbemerkt vorübergezogenen Bergfest zu ziehen. Am Ende des 8-Stunden-sind-kein-Tag-es steht also die Frage: kriege ich einen verdammten Job oder nicht?