turin brakes in berlin: endlich ein review

Die Turin Brakes haben letzte Woche Mittwoch ein Konzert im Lido Berlin gespielt. Hier nun die Impressionen! -Mit herzlichem Dank für slidetechnikspezifischen Input eines einzelnen Menschen aus PB !

“The venue for tonight is gorgeous and we are excited!” lautet der Eintrag vom 21. Mai 2008 im Turin Brakes Tourblog “Horses Mouth”. Tatsächlich hätten Gale Paridjanian und Olly Knights (an diesem Abend nur von Eddie Myer am Kontrabass begleitet) keinen stimmungsvolleren Ort für ihr dargebotenes Akustikset finden können als das Lido: 1951 als Kino eröffnet, beherbergte es in den Siebzigern einen Rockclub namens „Westside“, diente in den Achtzigern der Schaubühne als Probebühne, lag dann brach, um schließlich 2006 als Konzertbühne und Club neu zu öffnen. Quadratisch, holzdielenbesohlt, diskokugelbehangen, rotgold und geschichtsträchtig, ist es eins der glanzvollsten Venues in Berlin. Das Konzert der Turin Brakes hier war so wunderbar wie der Ort selbst.

Jemand hat mal zu mir gesagt, die Turin Brakes wären wie Simon und Garfunkel im neuen Jahrtausend. Nach eigener Aussage klingen sie wie ein “cowboy from the old west in the streets of 21st century London who is being forced at gun point by his own shadow to confess his hopes and fears into an old tape recorder”. Nun: angesichts zweier perfekt harmonierender Akustikgitarren sei zunächst eine kleine Schwärmerei gestattet: in den Momenten, in denen Strumming und Liedbegleitung auf gleichen Volume-Leveln stattfanden, und sich, manchmal unter Zuhilfenahme diverser FX-Boxen, zu Klangteppichen verwoben, auf denen Ollys Stimme ganz nach Belieben wandelte, Eddis Bass verspielt seine Fills setzte, in diesen Passagen schien das Trio geerdet, ungezwungen und bildschön. Es waren nicht Gales Solos, welche sich trotz pflasterbeklebtem Mittelfinger flink, zielsicher und melodiös ihren Weg bahnten, es war seine Slide-Technik und sein Gespür für ganz genau den richtigen Ton in ihr, die vielen Songs eine unglaubliche Tiefe verlieh – erstmals im Verlauf des Abends im Titeltrack des letzten Albums „Dark on Fire“.

Behutsame Glissandi, als würde Gale die Töne wider ihrer Zerbrechlichkeit auf eine Reise, eine Suche schicken wollen; in circa einem halben Dutzend Tracks verlieh diese Spielweise, trotz enormer Präsenz, den Gesangslinien eine meisterhafte nonchalante Illustration. Und dies, ohne den Ansatz einer Abnutzungserscheinung zu hinterlassen. Bei all dem Gehörten, in Anbetracht seiner emotionalen Dichte, der Spielfreude der Band und selbst in Kenntnis der Antwort, stellt frau/mann sich die Frage: wie lange musizieren Olly und Gale bereits gemeinsam?

Und der Fokus lag dann auch überraschend auf älterem Material, vorwiegend auf Songs der ersten beiden Alben “The Optimist” und “Ether Song”. „Last Chance“ beispielsweise, im MySpace-Player an erster Stelle und einmal mehr mit großartigsten Vocals von Olly Knights ausgestattet, blieb leider an diesem Abend ungehört. Sympathiepunkte gibt es für den Umstand, dass Olly, mitten im Song die Lyrics vergessend und Gales Zuflüstern nicht dechiffrierend, aus der Not eine Tugend machte und mit dramatisch weitaufgerissenen Augen sang: „I’ve forgotten the words, my god, I’ve forgotten the words, after so many years, I’ve forgotten the fucking words“.

Der Entschluss der Band zur eleganten Unisono-Optik, die aus sehr kleidsamen Anzügen bestand, unterstrich auf delikate Weise die Kammermusik-Atmosphäre der Show. Vermutlich wäre mir das schicke Outfit nicht besonders stark aufgefallen, hätte ich nicht nach dem Konzert eisern im Saal verharrt, um zu verifizieren, dass die Turin Brakes tatsächlich ihre eigenen Roadies sind, wie sie zuvor behauptet haben. Der Abbau vollzog sich dann in Zivil mit Kapuzenpullovern und abgeschnittenen Camouflagehosen. So konnte ich beobachten, wie Gale seinen sorgsam in eine Schutzhülle eingeschlagenen Anzug durch den Saal trug. Und wie das ein oder andere aspirierende Groupie den ein oder anderen Vorstoß wagte. Leider ohne Erfolg.

Übrigens: die fünfköpfige Band Leyan hat einen sehr schönen halbstündigen Auftakt gespielt. Beschreiben ließe sich ihr Stil vielleicht mit „auch mal auf die Großen des Genres schielen“: dass sie an Bands wie Radiohead, Muse oder den Leaves Gefallen finden, darf als wahrscheinlich gelten, ausgesprochen wird diese Vermutung jedoch ausschließlich als Kompliment. Wer sie mochte oder kennenlernen möchte, geht am Freitag den 30.5.08 in den Knaack-Club zu ihrem Konzert. Ihre aktuelle EP heißt „The Silence is not that calming“ und ist im März erschienen.

Klicktipp: „Ether Site“ ist eine niederländische Fansite mit einem reichhaltigen Angebot an Audio- und Videomaterial, die z.B. Konzertmitschnitte bereitstellt (auch Schnipsel vom Lido-Gig waren binnen zwölf Stunden online). Dort lässt sich auch ein sehr schönes Cover des Songs „Scrubs“ von TLC finden.

MySpace Turin Brakes: http://www.myspace.com/turinbrakes

Site Turin Brakes: http://www.turinbrakes.com/

MySpace Leyan: http://www.myspace.com/leyanmusic

Site Leyan (under construction): http://www.leyanmusic.com/

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2 Kommentare zu „turin brakes in berlin: endlich ein review

  1. Danke für diese ausführlichen Impressionen. In Deinen Worten kann ich auch den Mannheimer Abend mit den Turin Brakes vorm geistigen Auge (oder Ohr) wiederauferstehen lassen. Schön, dass hier gleichbleibend auf hohem Niveau gefangen genommen wird! 😉

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  2. Danke fürs Feedback. Welch schöne Konzerte – und das ganz ohne die große Marketing- oder Merch-Kampagne seitens Veranstalter oder Plattenfirma. Let’s hope to see them again soon!

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