bob mould. postbahnhof berlin. 7.6.08.

20:00 UHR. Wie fühlt es sich wohl an, eine Legende zu supporten? Die Hamburger Herrenzimmer bekamen diese Chance. Stilistisch zeigen sie sich dem Sound ihrer Heimatstadt verpflichtet. Backstage befand Herr Mould: Die Jungs sind sehr gut. Wirklich. Eine Meinung der wir uns gerne anschließen: Die Hamburger Schule ist noch immer nicht geschlossen. Für die Mehrheit des Publikums jedoch bleiben Herrenzimmer an diesem Abend eine Randnotiz. Zu klar sind die Prioritäten und zu hoch die Prätention des Publikums.

Also: Break. Und einleitend einige Gedanken des Headliners aus dem Februar diesen Jahres. In einem von Dave Fortune für stopsmilingonline.com geführten Interview mit Bob Mould gipfelten dessen Ausführungen, nach einem kürzeren Diskurs zu gesellschaftlichen Entwicklungen im Zeitalter des omnipräsenten WordWideWeb, in folgender Aussage:

„Unsere Kultur ist in einem Maße verkörperschaftlicht, dass die Leute ein Original selbst dann nicht erkennen würden, wenn es ihnen ins Gesicht schlagen würde. Früher gab es das Internet nicht, da sind Menschen von Tür zu Tür gezogen, um eine Idee zu verkaufen, eine Vision oder ein Konzept – etwas, das nicht sanktioniert war und das man nicht googeln konnte. Alles das hat sich nun komplett verändert, und aus dieser Veränderung wird schlussendlich etwas Gutes erwachsen, was ich aber bisher wirklich noch nicht erkennen konnte. Ich glaube, dass wir noch damit beschäftigt sind, die Gesetze dieser Technologie und Kultur zu lernen – und diese Kultur ist fucked-up.“

Pause und WOW.

Bob Mould produziert seine Alben im Alleingang, und dies in den letzten Jahren konsequent digital. Unter dem Pseudonym LOUDBOMB nahm Bob Mould bereits 2002 die rein elektronische CD LONG PLAYING GROOVES auf und remixt/e beispielsweise für VHS oder RAMMSTEIN. Zusammen mit Richard Morel, seinerseits bekannt für zahlreiche Remix-Produktionen (u.a. für die Pet Shop Boys, New Order oder Depeche Mode), bildet er das Pop-Rock-Duo / DJ-Team BLOWOFF. Ihre erste gemeinsame Veröffentlichung erschien im Oktober des Jahres 2006. Und seinen Blog gibt es ja auch noch. All das klingt weder technikfeindlich noch nach einer den Online-Hype argwöhnisch betrachtenden Weltsicht.

Zu seinem aktuellen Album DISTRICT LINE und seinem Schaffen als Produzent befragt, gab Herr Mould vor der Show im Interview Folgendes zu Protokoll:

„Die Dinge verändern sich sehr schnell. Computer gewinnen an Macht. Die uns gegebenen Möglichkeiten, Sound in komplexer Art und Weise zu verändern und beeinflussen, wachsen konstant. Für einen Produzenten bedeutet dies auch ständige Weiterentwicklung, vor allem hinsichtlich seiner Werkzeuge. Ich habe mein ganzes Leben lang Musik gehört und habe mich mit verschiedenen Produktionsweisen beschäftigt. Meistens weiß ich, was ein Song braucht, und es gibt gewisse Standardprozedere, zum Beispiel wie ich Teile des Songs erhöhe oder seine Struktur verändere. Obwohl die Songs der DISTRICT LINE auf dem Gitarrenspiel basieren, sind es die kleinen Details, besonders die elektronischen, deren Produktion zeitintensiv ist. Man muss experimentieren, sich auf die Suche nach den Dingen machen, die für einen Song funktionieren, die ihn nach vorne bringen und ausdifferenzieren ohne ihn dabei zu behindern. Old Highs, New Lows zum Beispiel ist ein Song, hinter dem ein aufwändiger Produktionsprozess steht. Außer Shelter Me, dem einzigen elektronischen Song, ist das Album aus dem Gitarrenspiel heraus entstanden, in klassisch Songwriter-orientierter Arbeitsweise anstatt am Computer mit Loops zu arbeiten. Ich denke, darum klingt das Album für viele Menschen vertrauter, weil sie diesen Sound stärker mit mir in Verbindung bringen.“

Und hier treffen wir auf die ANDERE Seite des Herrn Mould. Seine musikalischen Wurzeln befinden sich im US-Hardcore-Punk der frühen 80er Jahre, und genau dies hat er uns im Berliner Postbahnhof nachdrücklich ins Gewissen gespielt. Die Show währte ca. 95 Minuten und sie war unglaublich energetisch, was auch der hervorragend aufgelegt und gleichsam aufspielenden Band zu verdanken ist. Bob Mould über die Band: “Richard Morel spielt die Keyboards und Jason Narducy ist am Bass, so wie bei der 2005er-Tour. Brendan Canty, der Drummer, ist bei dieser Tour nicht dabei, weil er vor Kurzem erneut Vater geworden ist. An den Drums sitzt heute Abend Jon Wurster, der bei SUPERCHUNK spielt. Also ist er… gut (lacht). Es funktioniert sehr gut. Es ist eine gute Band und wir spielen sehr gut zusammen. Wir hatten eine sehr schöne Zeit auf der Tour, sowohl in den Staaten als auch in Europa.“ Brendan Canty (FUGAZI) wurde von JON WURSTER mehr als nur ersetzt: Sein Spiel war vom ersten Takt des Openers The Act We Act an dynamisch und hoch ambitioniert. Diese Einschätzung lässt sich ausnahmslos auf Jason Narducy, vormals die Stimme und Gitarre der VERBOW bzw. der ROCKETS OVER SWEDEN, und Richard Morel übertragen.

In Anbetracht der Setlist gilt der Sound des Abends als prädisponiert. Rauh, schnörkellos, erdig. Keine Note zuviel. Keine zuwenig. Aber grade in Anbetracht der Setlist auch folgende Anmerkung: Bis auf zwei Tracks des aktuellen Albums DISTRICT LINE, namentlich The Silence Between Us und Miniature Parade, entsprach sie weitestgehend der des Jahres 2005, bzw. der der 2007 erschienenen Live-DVD CIRCLE OF FRIENDS. Die Bewertung dieses Faktum sollte jedoch einem Besucher beider Touren obliegen.

Bob Moulds Schaffen der letzten Dekade repräsentierte sich an diesem Abend dann nur noch in I Am Vision, I Am Sound, Circles und Paralyzed, allsamt von der BODY OF SONG aus dem Jahr 2005. Die Alben THE LAST DOG AND PONY SHOW und die von elektronischen Einflüssen geprägte MODULATE wurden leider gar nicht zitiert.

Warum Bob Mould so wenig auf seine aktuellen Arbeiten eingeht, bleibt sein Geheimnis. Festzustellen ist: Sein in den vergangenen Jahren gereiftes großartiges Songwriting, sowie dessen Umsetzung auf den letzten Produktionen, findet live nicht dem ihm gebührenden Stellenwert. Die Vermutung, dass es sich hierbei um ein Bedienen von Erwartungshaltungen gegenüber einem ihm völlig ergebenen Publikum handelt, einem Publikum welches eingedenk seines Altersquerschnitts wohl auch zu einem Großteil mit den HÜSKER DÜ und SUGAR musikalisch sozialisiert wurde, liegt nahe. Sie trifft aber zufolge eines O-Tons des Meisters nicht zu. Im Interview nämlich bekräftigte Bob Mould mit verschmitztem Lächeln seine derzeitige Vorliebe zur kompromisslosen Spielweise: “Die beste Show der Europatour war in Barcelona beim Primavera-Festival. Es war großartig. Weil wir weniger Zeit auf der Bühne hatten, konnten wir härter spielen (lacht) – und das war gut. Mit nur 60 Minuten Zeit kann man das Set beschleunigen, so dass eine konzentriertere Energie entsteht, oder anders gesagt: die selbe Energiemenge entfaltet sich in einem kürzeren Zeitraum.“

Irgendwie passt es auch gut zum Schlußsatz des einführenden Mould-Zitats. Fucked-up culture. Wenn Podium – dann laut. Und hart. Und schnell. Dennoch. Ein Beigeschmack bleibt.

Und gelegentlich zeigt diese Art des Musizierens auch ihre Schattenseite. Die Stimme vermag live nicht immer zu überzeugen. Manchmal etwas zu gehetzt, besonders abträglich in Paralyzed, beugt sie sich dem Sounddiktat. Und Richard Morels Tasteninstrumente erlangten nur selten wirklich Präsenz im ansonst guten Livemix, dies ist dann aber schon der letzte Punkt der Mängelliste.

Und ehrlich. Wen interessiert das an diesem Abend?

Das gänzlich verzückte und entrückte Publikum sicher nicht. Und selbst der Umstand eines skandalöserweise nur zur Hälfte gefüllten Postbahnhofs darf als sekundär bezeichnet werden. Zu überwältigend sind die Sympathiebekundungen der Gefolgschaft an den Meister.

Da ist die Ich-kenne-jedes-Wort-und-singe-es-auch-mit-Fraktion.
Da sind die exstatischen Tänzerinnen und Tänzer.
Da ist die sich dem Altern verweigernde Pogogemeinde.
Da sind die nahezu Paralysierten.
Die ständig Lachenden.
Die den Tränen der Rührung Nahen.

Und 20 Minuten nach der Show steht Bob Mould himself neben der Bühne. Er hat soeben seinen Roland-Amp an einen Besucher versteigert. Jetzt gibt es noch ein Foto mit, noch ein Autogramm für, den neuen Besitzer. Der ist nun einer der letzten Glücklichen im Postbahnhof. Alle anderen lächeln sich bereits durch die Berliner Nacht.

Kritikpunkte hin. Oder her.
BOB ROCKT.

Setlist:

The Act We Act (SUGAR – Copper Blue, 1992)
A Good Idea (SUGAR – Copper Blue, 1992)
I Hate Alternative Rock (BOB MOULD – s/t, 1996)
See A Little Light (BOB MOULD – Workbook, 1989)
Hoover Dam (SUGAR – Copper Blue, 1992)
I am Vision, I am Sound (BOB MOULD – Body Of Song, 2005)
The Silence Between Us (BOB MOULD – District Line, 2008)
Hanging Tree (BOB MOULD – Black Sheets Of Rain, 1990)
Miniature Parade (BOB MOULD – District Line, 2008)
Your Favorite Thing (SUGAR – File Under: Easy Listening, 1994)
Hardly Getting Over It (HÜSKER DÜ – Candy Apple Grey, 1986)
Circles (BOB MOULD – Body Of Song, 2005)
Paralyzed (BOB MOULD – Body Of Song, 2005)
I Apologize (HÜSKER DÜ – New Day Rising, 1985)
Celebrated Summer (HÜSKER DÜ – New Day Rising, 1985)
Divide and Conquer (HÜSKER DÜ – Flip Your Wig, 1985)

Egøverride (BOB MOULD – s/t, 1996)
If I Can’t Change Your Mind (SUGAR – Copper Blue, 1992)

Chartered Trips (HÜSKER DÜ – Zen Arcade, 1984)
Makes No Sense at All (HÜSKER DÜ – Flip Your Wig, 1985)

Linkliste:

BOBMOULD.COM http://www.bobmould.com/
BOBLOG http://modulate.blogspot.com/
MYSPACE http://www.myspace.com/bobmould
BLOWOFF http://blowoff.us/
LOUDBOMB http://loudbomb.com/
RICHARD MOREL http://morelworld.com/
GRANARY MUSIC http://granarymusic.com/

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