eine kleine begegnung, die keine war

In der Berliner U-Bahn trägt es sich eher selten zu, dass Menschen über lange Strecken mit einem zusammen reisen. Meistens herrscht ja ein Kommen und ein Gehen- und man läßt sich auf sein Gegenüber wenn überhaupt nur oberflächlich ein, läßt sich nur kurzfristig faszinieren, selten ablenken, ungern einnehmen. Aber manchmal passiert es doch. Und manchmal berührt es dann zutiefst. So geschehen gestern.

Frau Hartz fährt einmal quer durch die Stadt, um an einem renommierten deutschen Forschungsinstitut vorstellig zu werden, zwecks Praktikum. Fein gemacht, hübsch gescheitelt, mit polierten Schuhen und Kajajajal. Man will ja einen glänzenden Eindruck hinterlassen.

Kurzum, mein potentieller Gönner zeigt sich lockerleicht: spritziger als vermutet, herzlicher als erwartet, und überraschend interessiert an meinem wohl als exotisch empfundenen Status „einer Arbeitslosen“ und „in Neukölln Beheimateten“. Man erkundigt sich ausgiebig nach dem Gang zum Amt, dass sei wohl sicher nicht schön, für eine Akademikerin noch dazu, puh, das könne man sich schon denken. Doch diese Art von völlig unverhohlen ausgedrückter Neugierde im Angesicht des Prekariats (hier vertreten durch meine Wenigkeit), ist mir lieber als das auch sehr beliebte geflissentliche Übersehen/Totschweigen des Hartz-Faktors.

Sie hören von uns. Vielen Dank fürs Kommen. Und zack vorbei, das V-Gespräch. Rein in die U-Bahn. Heimweg. Hinsetzen. Mein Interesse weckt ein Menschenpaar mir gegenüber. Mutter und Sohn vielleicht, oder Oma und Enkel gar. Er hat Down-Syndrom, sie ist dem Anschein nach stumm- oder sagt eben nur nichts. Die beiden kommunizieren nonverbal, gehen auffallend warmherzig miteinander um. Werfen sich Blicke zu, lächeln sich manchmal an. Sie holt aus ihrem Rucksack einen sorgsam in Alufolie geschlagenen Stapel Butterkekse, reicht ihm drei davon, über die er sich sehr freut und sie stillvergnügt verspeist. Sie drückt kurz seinen Arm, wischt dann mit einem Stofftaschentuch über ihr müdes Gesicht. Sie wirkt erschöpft.

Wir fahren. Ich kann nicht wegschauen, so sehr berühren mich die zwei. Er wird nervös, zuckt mit den Armen, seufzt ganz laut. Sie gibt ihm eine Ticktack-Packung, mit der er gleich beginnt zu spielen. Dann nimmt er zwei Bonbons und guckt sie schüchtern-fragend an, sie nickt kaum merkbar, dann traut er sich, stampft mit den Beinen und steckt die Ticktacks in den Mund. Die Packung verschwindet in seiner Jackentasche. Er glaubt, sie hat das nicht gesehen. Sie hats gesehen, tut aber unbeteiligt. Dann lächeln sie sich an und hören wieder damit auf, so, als spielten sie ein geheimes Spiel.

Mit jeder Station hoffe ich, dass sie nicht aussteigen, weil ich dieser wundersamen kleinen Szene noch weiter zuschauen will. Dem liebevollen Miteinander zweier Menschen in einer Berliner Untergrundbahn. Unverhoffte Zuneigung. Weit weg rückt plötzlich das Forschungsinstitut. Und weit weg auch die tägliche Hasskappe Hartz. Ich hätte gerne beim Gehen etwas gesagt. So etwas wie „Sie beiden sehen wirklich sehr schön zusammen aus“. Das habe ich natürlich nicht. Das würde merkwürdig klingen. Und gar nicht so, wie ich es gemeint hätte. Diese Begegnung, die gar keine wahr, hat mir zum Glück mal wieder ins Gedächtnis gerufen, dass es diese klitzekleinen Alltagsszenen gibt, die den Hartz-Faktor schwuppdiwupp transzendieren können. There’s more to life than paid work. q.e.d. File under: getting things into perspective…

3 Kommentare zu „eine kleine begegnung, die keine war

  1. hiya, ich sass zur gleichen zeit in der prager ubahn und dachte: was sehen die menschen hier so echt aus. und einmal war ich in der situation, dass mir und meinem gegenüber jemand so zuschaute wie du den beiden als ich mir ein wochenendticket mit einem nach schlaganfall nur beschränkt kommunikationsfaehigen, polnischen schauspieler ende 50 mit hippimaehne teilte und wir mit zeichnungen kommunizierten, waehrend uns ein priester zuschaute. es gibt echt sachen, die zaehlen mehr als der ganze scheiss karrierenkram. diesen blog zu lesen gehoert uebrigens auch dazu. danke!

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  2. merci bien, jana. und grüße nach prag! – frau schaub kenne ich übrigens auch, von der FU, gefühlte Dekaden „ago“… was war das für eine Konferenz?

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  3. ach , das war keine konferenz ( wo m. schaub war) sondern ein workshop, zudem die als workshopleiterin geladen war. organisiert vom Ö äquivalent zu exzellenzclustern (die konsonantencluster in dem wort allein sind fsaziniert), dem initiativkolleg der theaterfilmundmedienwissenschaft der uni wien.

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