Agathe weiß, wie der Hase läuft

Was ist das Horror-Szenario No 1 für eine arbeitslose Akademikerin?

Jenau: ein Familienfest! Ein großes Fest, bei dem viele Verwandte und alte Freunde zusammenkommen, die man jahrelang nicht mehr gesehen hat. Massen von hungrigen Herzen, wissbegierig, eifrig, neugiergetrieben. Und allen brennt nur eine Frage unter den Nägeln: „Was machst du beruflich?“

Fleisch gewordener Terror in Form von Agathe begegnete mir am Wochenende auf einem solchen Fest. Böses ahnend bewegte ich mich vorsichtig über das Partyparkett, jederzeit zur Hechtrolle hinter die Bierbank bereit. Denn: was antwortet man auf die Berufsfrage? Wie erklärt man sich? Das schlicht und ergreifende „Ich bin arbeitslos“ ist ein Small-Talk-Killer, das kann ich mittlerweile statistisch belegen. Eine Lüge ist unschön, eine Ausflucht weckt noch stärkeres Interesse. Also was? Ich hatte zunächst Glück, die Frage kam nicht auf. Allerdings habe ich mir mittlerweile eine eindringliche Art des Selberfragens angeeignet, die meinem Gegenüber schmeichelt und an seine Eitelkeit appelliert, so dass sich Gegenfragen oft erübrigen. Ich bin eine sehr aufmerksame Zuhörerin, so sprechen die Leute gern zu mir. Über sich. Doch dann kam Agathe. Sie war betrunken. Und, wie die Briten es so schön sagen: she was getting on my case.

Sie hatte eine komische Art, mir Fragen zu stellen, deren Antwort sie nicht aufgriff. Es ging um Berlin und Lebensqualität und ich verstand nicht, worauf sie hinauswollte. Sie wiederholte sich oft, fragte fünf oder sechs Mal, was ich in Berlin wolle, das schob ich ihrem Alkoholpegel zu. Doch dann setze sie zu einer Tirade an, die ich in Auszügen wiedergebe. Meine Gedanken sind jeweils in Klammern gesetzt.

Agathe: du hast keine Stelle, habe ich gehört (SHIT!… SIRENEN: AN!)

Ich: das stimmt

Agathe: ich kann das gar nicht verstehen (AHA.)

Ich: was?

Agathe: ich kann nicht verstehen, wieso du keine Stelle findest (UI, DAS WIRD NOCH BÖSE ENDEN.)

Ich: das kann ich auch nicht verstehen

Agathe: es kann doch nicht so schwer sein, eine Stelle zu finden! (ACH AGATHE, WAS WEISST DU SCHON?)

Ich: ist es aber.

Agathe: es gibt doch so viele Stellen! (HÖRT, HÖRT, AGATHE WEISS WIE DER HASE LÄUFT)

Ich: ja

Agathe: ich verstehe nicht, wieso das bei dir nicht klappt (DAS SAGTEST DU BEREITS)

Ich: tja

Agathe: du musst weggehen aus Berlin, in eine ganz kleine Stadt (OCH NÖ, KOMMEN JETZT DIE WOHLGEMEINTEN RATSCHLÄGE?)

Ich: aha

Agathe: in eine kleine Stadt in Süddeutschland oder im Ruhrgebiet…(WIE KOMME ICH AUS DIESEM GESRPÄCH WIEDER HERAUS?!)

Ich: ich bewerbe mich oft für Jobs in anderen Städten…

Agathe: und wieso findest du dann keine Stelle?! (DAS FRAGTEST DU BEREITS!)

Ich: ich bin zu alt oder habe die falschen Fächer studiert oder habe zu wenig Berufserfahrung.

Agathe: das kann doch nicht so schwer sein! (WAS WILL SIE VON MIR??)

Ich: hmm

Agathe: du musst endlich wissen, was du willst. Du musst dich einfach entscheiden! (WAS DENN ENTSCHEIDEN ??)

Ich: mmh-hmm

Agathe: du musst dich jetzt entscheiden. Du musst jetzt eine Stelle finden. (JAAHAA!)

Ich: mmh-hmm

Agathe: deinen Eltern würde es auch besser gehen, wenn du eine Stelle hättest (NEIN, BITTE, NICHT DIE TOUR … STOP! STOP!! STOOOP!!!)

Ich: ich weiss

Agathe: du musst dich ins Zeug legen. Du musst wissen, was du willst. Du musst dich entscheiden. Ich verstehe das wirklich nicht. Es gibt doch so viele Stellen in Deutschland, es gibt doch so viel Arbeit. Du bist doch eine symphatische Frau, du hast doch studiert, du musst dir eben mehr Mühe geben, das kann doch gar nicht sein. Ich verstehe das nicht. Wieso findest du denn keine Stelle, du musst doch eine Stelle finden, das kann doch gar nicht sein (BITTE, IRGENDWER: RETTE MICH!)

Ich: …

Agathe: blablabla Stelle finden blablabla Stelle finden (AGATHE, SHUT THE FUCK UP!)

Ich: …

And she rattled on. And on. And on. Langsam begriff ich, dass sie mich demütigen wollte. Es gab dafür keinen Grund, aber sie ließ nicht locker, bis ich es nicht mehr aushalten konnte und die Flucht ergriff. Mein Abend war gelaufen. Ich habe mich wie das hinterletzte schwarze Schaf der Familie gefühlt. Die Frage ist: was trieb Agathe? Was wollte sie bezwecken? Ihre Wortbeiträge waren repetitiv und hatten weder Informationswert noch Dialog-Intention. Sie wollte mir dem Anschein nach lediglich aber nachdrücklich vermitteln, dass sie es unerträglich findet, dass ich arbeitslos bin. Das kam an. Aua.

2 Kommentare zu „Agathe weiß, wie der Hase läuft

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