mann und frau

In dem Wohnzimmer würde man ein Sofa erwarten. Es gibt aber nur zwei Stühle. Stühle, die Liegestühlen ähneln und die nebeneinander, allerdings nicht direkt nebeneinander, im Raum stehen, und zusammen mit dem Fernseher an der Wandseite ein spitzwinkliges Dreieck bilden, ähnlich einem Tortenstück. Ich war immer schlecht in Mathe, aber Dreiecke mochte ich, den Satz des Pythagoras kann ich heute noch. Auf meinem Taschenrechner war ein Aufkleber, auf dem stand „es lauert in dir und sucht seine Chance“. Vielleicht stimmte das sogar.

Ein Dreieck. Der ganze Raum ist auf den Fernseher ausgerichtet, wenn der Fernseher nicht da wäre, könnte man denken, es handele sich um eine unökonomische eigenwillige Raumaufteilung, mit den beiden Stühlen in der Zimmermitte, die weder einander noch dem Fenster zugerichtet sind. Aber mit dem Fernseher macht das Sinn. Zwischen den Stühlen steht ein Beistelltischchen, vor ihnen stehen Hocker mit Kissen drauf.

Der Fernseher läuft. Auf dem Beistelltischchen steht eine leere und eine volle Flasche Wein. Es ist spät. Die Frau sieht müde aus, sie sinkt langsam tiefer in den Stuhl, dreht den Kopf leicht zur Seite, ihr fallen die Augen zu. Der Mann bemerkt es und stellt den Fernseher lauter. Die Frau schreckt hoch und setzt sich wieder aufrecht hin. Sie strengt sich an, unbeteiligt auszusehen. Der Mann trinkt seinen Wein aus, schenkt nach und stellt den Fernseher wieder leiser.

Eine Talkrunde. Der Mann trinkt sein Glas Wein aus und schenkt nach. Der Frau fallen erneut die Augen zu, doch sie hat ihren Kopf ganz zur Seite gedreht, so dass der Mann ihr Gesicht nicht sehen kann. Der Mann kommentiert einen Redner aus der Talkrunde mit einer kurzen abfälligen Bemerkung. Als keine Reaktion von der Frau kommt, schaltet er ohne sie anzusehen zügig durch die Programme, bis er zu einem Actionfilm gelangt, der grade einen aufwändigen Schusswechsel zeigt. Das Getöse weckt die Frau auf. Sie sagt: ich wollte die Talkshow sehen. Er sagt: du schläfst doch sowieso. Er spricht laut, unerträglich laut. Sie sagt: ich schlafe nicht.

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