#fock you | i’m focked: Wie wars bei den Sleaford Mods?

Mods & Winson bei flux.fm. Foto: Sophie Euler

Harbinger Sound @ SO36. Drei Bands bestreiten den Abend: Circuit Breaker, Sudden Infant und Sleaford Mods. Das Publikum ist ungewöhnlich, äh, alt. Es gibt kaum Personen unter 30; männerlastig insgesamt, die meisten zumindest ange-punk-t, so einige Brits sind da. Könnte auch die Killing Joke Crowd sein. Das Konzert ist schon lange ausverkauft, es ist voll. Seit dem letzten Berlin-Konzert im beiRuth hat die Band an Bekanntheit gewonnen.

Kurz zu den beiden supporting acts: Circuit Breaker, zwei schmale dunkelhaarige Jungs, spielen karg arrangierte Elektro-Songs mit Ian Curtis artigen Texten. Beide stehen an Tastenboards, einer spielt zusätzlich Gitarre, die man aber kaum hört. Der Gesang ist unbeholfen aber präsent, klingt eigentlich krass nach deutschem Akzent, sind das Iren? Nein, aus Milton Keynes, sagen sie bei der Vorstellung. Die Armen. Dann folgt Sudden Infant. Catchy Bandname, ich habe den irgendwo schonmal gehört. Die sind zu dritt, Schlagzeug, Bass und Gesang. Genre: Minimal Noise. Oder sowas. Mir gefällts. Schräg aber gut gemacht und passioniert vorgetragen. Im Kopf bleibt mir ein Poetry Slam mäßiges Stück über einen Jungen, der am Fenster steht und Kräne anguckt.

Danach kommen die Sleaford Mods auf die Bühne. Alle drängen nach vorne, es wird muggelisch. Ich brauche die ersten beiden Songs um zu merken, dass Jason Williamson wohl einen Tick hat, sich mit dem rechten Arm über Kopf und Nase zu fahren. Zuerst dachte ich, es sei Pose, aber nein. Umso besser. Andrew Fearn zieht es durch und macht musikalisch nicht viel mehr als „press play“ an Anfang eines Songs. Ansonsten steht er mit einem Bier etwas im Hintergrund, wippt und freut sich. Jason Williamson hingegen gibt Gummi und kloppt seine Rants in den Raum. Meist steht er seitlich zum Publikum, manchmal züngelt er uns an, Kommunikation gibt es sonst wenig, in den Songpausen kreist er wie ein Tier um sein Mikrofon. Es ist weniger ein musikalisch komplexes Ereignis als eine recht beeindruckende Wut-Performance. Gibt es in Deutschland etwas Vergleichbares? Mir fällt nichts ein.

Die Texte skizzieren das trostlose Leben im Spätkapitalismus, mehr beobachtend als wertend, aber immer aggressiv. Häufigste Wörter sind fuck und cunt, gerne auch fucking cunt. Ich fühle mich gleichzeitig geohrfeigt und transzendiert. Ja, hat Wucht und sagt mir was. Die Text sind politisch und stark auf britische Lebensrealität gemünzt, lassen sich aber teilweise mühelos übertragen: Jobseeker ist einszueins auf Hartz IV anwendbar. Aus jedem Song spritzt harte Wut; von der Energie, mit der Jason Williamson sie vorträgt, kann ich nur träumen. Und das macht er fast jeden Abend. Chapeau. Nach wenigen Stücken ist er schweißgebadet. Sie ziehen straff durch und spielen knapp 90 Minuten mit Zugaben. Die knüppelartige Atmosphäre hält sich bis zum Schluss. Guter roher Live-Act. Ein Konzert für die Eingeweide.

Mods on stage. Foto: Gus Stewart/Redferns via Getty Images

Der mit Abstand beste Text, den ich zu den Sleaford Mods gefunden habe, erschien letztes Jahr in der Jungle World, geschrieben von Kristof Maria Künssler. Wer bei der Band mal reinhören möchte: https://soundcloud.com/sleafordmods.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s