#cheap thrills: Online-Dating

Heute mal ein richtiger Text: Vor ein paar Tagen erschien auf Telepolis ein erhellender wenn auch theorielastiger Artikel mit Titel „Eros und Information„. Darin interviewt Journalist Reinhard Jellen den Kulturtheoretiker Georg Seeßlen zum Thema Internetdating. Auslöser ist das jüngst publizierte Werk Seeßlens Die Liebe in den Zeiten der CholeraDigitales Dating – Liebe und Sex in Zeiten des Internets„. Enthüllung: Entdeckt habe ich das Ganze übrigens im Profil meines Lieblingsusers auf OkCupid. Wäre jetzt interessant zu wissen, wieviel persönliche Erfahrung der Herr Seeßlen mit seinen 67 Jahren diesbezüglich einbringen kann. Dazu sagt er leider nichts. Aber es geht ihm auch eher um die Analyse der gesellschaftliches Auswirkungen. Es ist ein langes Interview und er sagt ein paar ganz gute Sachen. Schauen wir mal rein:

Der scheinbar große Vorteil eines Internet-Dating, dass man nämlich die Tiefe der Ernsthaftigkeit bei Suche und Informationstausch selbst bestimmen kann und sich lange in einem Raum von unverbindlichem Spiel aufhält, ist zugleich der große Nachteil. Da man nie weiß, wie ernst es dem anderen ist, wie camoufliert er ist, ja sogar, ob es zu den Informationen, die man erhält überhaupt einen realen Menschen gibt, oder ob es sich sogar um einen Fallensteller oder Psychopathen handelt (die populäre Kultur hat da längst ein neues Thriller-Thema gefunden), erzeugt jedes Begehren zugleich das Misstrauen als Geschwister.

Vertrauen, wenn es überhaupt existiert, wird allenfalls der Filtermaschine entgegengebracht, die man bezahlt, so oder so (durch Geld, durch Informationen, durch die Empfangsbereitschaft für wiederum so oder so bezahlte Botschaften). Das Schreckliche also besteht in dem ungeheuerlichen Irrglauben, dass ich einem anderen Menschen durch Information näher komme, dass eine Beziehung gut oder schlecht verläuft aufgrund wechselseitiger (und nicht zuletzt im Außen vermittelter) Informationen, und dass alles, was schief läuft, auf der Basis dieser Informationen schief läuft.

Da kann ich erstmal zustimmen. Es läuft ja so ab: eine Plattform wie okc stellt einen riesigen Pool an Nutzern bereit. Auf Grundlage der Matching-Ergebnisse, die durch Multiple-Choice-Fragen erzeugt werden, werden mir User mit einem größeren oder kleineren Match-Score angezeigt. Ich sehe also wer, dem Algorithmus nach, besser oder schlechter zu mir passt bzw. wer bei den Fragen ähnlich wie ich geantwortet hat und/oder den Antwortoptionen ähnliche Wertigkeiten zugeordnet hat. Wie erotisch aussagekräftig dies in Bezug auf eine Person/Persönlichkeit wirklich ist, wäre tatsächlich zu diskutieren. Wir bleiben ja mit den Fragen im sicheren Hafen der Theorie, oder, wie Seeßlen sagen würde, der Metadaten. Meine Lieblingspassage:

Wenn wir uns an eine Kultur der Liebe erinnern, dann hatte sie stets mit einer Rebellion gegenüber den Maschinen zur Produktion des Paares zu tun. Ist es nicht absurd, wenn wir verächtlich auf Kulturen schauen, die das Paar durch Elternmacht oder Verwandtschaftsverhältnisse erzeugen, während wir gleichzeitig meinen, ein Algorithmus oder ein elektronischer Datenabgleich wäre die vernünftigste Form der Paar-Erzeugung und uns dabei in vollkommener Freiheit wähnen?

Meinem Empfinden nach ist hier der Begriff der „Paar-Erzeugung“ problematisch. Natürlich ist das Sinn und Zweck der Plattform, zumindest von der Intention her. Gleichzeitig wird aber das Profiledurchklicken, also das Herumplanschen im Menschenpool, sexuell technisch so angenehm gestaltet, vor allem für mobile Endgeräte, dass das Verweilen bei einer Person gradezu langweilig ist. Für jedes aufgerufene Profil gibt es – mobiloptimiert – einen LIKE und PASS Button, mit dem man eine Person schnell mal bewerten kann. Like. Dismissed. Und weiter gehts. Tinder (claim: „Any swipe can change your life“) hat dies perfektioniert, indem es als reine App konzipiert wurde. So kann man, semiabgelenkt auf dem Sofa liegend und fernsehend, schön bequem, sprich einfingrig, durch den Stapel der möglichen Objekte der Begierde sliden, wisch-und-weg. Das Angebot erscheint dabei so groß, schier unerschöpflich, dass das Sich-Einlassen auf eine einzige Person wie Verschwendung erscheint.

Hat man es doch getan und jemanden im realen Leben getroffen, wirkt die Online-Versuchung, selbst wenn das Date toll war, im Hintergrund weiter. Es könnte ja noch jemand Besseres kommen. Der/die von vorgestern ausm Chat war ja auch ganz sexy. Ach sieh an, XY hat ein neues Profilbild hochgeladen. Ich habe neue Nachrichten, mal sehen wer geschrieben hat. Oh, wer ist denn da grade online gekommen […] Bis zwei Menschen zu einem Paar werden, dauert es. Manchmal lange. Viele von uns halten sich für sind komplexe Wesen, deren facettenreiche Persönlichkeit sich erst nach einer Weile des Kennenlernens zeigt, eine kostbare Zeit, ein fragiler Prozess. Das quasi im Hinterhalt lauernde allzeit bereite Portal wirkt darin wie eine Intervention. Denn ich melde mich natürlich nicht nach ein, zwei gutgelaufenen Dates mit jemandem dort ab, bloß weil ich mal Potenzial gerochen habe. So kommen sich zwei Menschen näher, beschreiten den geschlungenen Pfad des Kennenlernes, verlieben sich womöglich ineinander, checken aber gleichzeitig spätabends oder frühmorgens doch die Inbox, denn ist ja immer gut, seinen Fetisch Marktwert zu kennen. Ach, Mist, jetzt gibts das Handy echt 10€ billiger.

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