#kleineNotiz: Über Scham

Das Thema treibt mich grade um. Eben habe ich von meinem Fenster aus beobachtet wie eine Frau, circa in meinem Alter, etwas jünger vielleicht, eine Tüte mit Pfandflaschen aus einer Ecke an der gegenüberliegende Straßenseite aufgehoben hat. Ich konnte sehen, wie sie die Tüte aus einiger Entfernung wahrnimmt, fokussiert, ihre Schritte verlangsamt, mehrmals um sich schaut ob ihr jemand zusieht, um dann beiläufig den Inhalt zu checken und die Tüte an sich zu nehmen. Wieder checkender Blick über die Schulter und dann setzt sie ihren Weg fort, vermutlich zum nahegelegenen Edeka.

Sie hat natürlich nicht bemerkt, dass ich sie beobachtet habe. Meinerseits hatte ich das Gefühl, sie in einer recht intimen Situation zu sehen: dem schamhaften sich aneignen des Pfandguts (welches sicherlich jemand mit genau dieser Absicht dort abgestellt hat, ich stelle meine Pfandflaschen auch oft an den Straßenrand). Irgendwie glaube ich nicht, dass sie eine Flaschensammlerin war, sie hat nur die Gunst der Stunde für sich genutzt, weil die Tüte gut gefüllt war und zufällig da stand. Dennoch fielen mir die verstohlenen Blicke, die sie um sich warf, sehr auf. Ich fühlte mich von der Situation berührt.

Dazu fällt mir ein Interview mit dem Tafelkritiker Sefan Selke ein, welches ich kürzlich auf den Nachdenkseiten gelesen habe. Stefan Selke betreibt den Blog Stabile Seitenlage und ist Professor für Soziologie und gesellschaftliche Wandel an der Hochschule Furtwangen. Er hat ein Buch mit Titel „Schamland BRD – Die Armut mitten unter uns“ veröffentlicht und spricht hier über Scham und Gesellschaft:

Die Armutsindustrie – Jens Wernicke im Gespräch mit Stefan Selke

Manch einer wird, wenn er uns so über Armut und Scham und Ohnmacht sprechen hört, sicher einwenden, es gäbe ja gar keine wirkliche Armut im Lande, niemand müsse wirklich Hunger leiden und bei den Verhältnissen in der sogenannten 3. Welt solle man nicht so viel Jammern etc. Was erwidern Sie hier?

Diese Relativierung bringt nicht viel. Armut lässt sich nur unzureichend in blanken Kennziffern abbilden. Wie bei allen qualitativen Dimensionen des Lebens braucht es dazu vor allem Einfühlungsvermögen. Menschen sind „differenzempfindliche Wesen“, wie Georg Simmel es nennt, und der soziale Vergleich zu Bezugsgruppen ist daher wesentlicher als jede Prozentrechnung oder -zahl. Noch ein Argument gegen die reine Vermessung der Armut: Was sich in unserer Gesellschaft verändert hat, ist nicht allein die Armut, sondern auch und vor allem die Bewertung der Armen.

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