#film: ANDERSON. Kein richtiges Leben im Falschen.

Der Film Anderson von Annekatrin Hendel lässt mich ratlos und aufgewühlt zurück. Es ist eine Annäherung an Sascha Anderson, ehedem schillernder Kulturpapst der Ostberliner Undergroundszene und Stasi-Spitzel. Der Film bittet auch seinen Freundeskreis von damals zu Wort, jene Verratenen, die er jahrelang ausspionierte. Als Zuschauer, so sollte man meinen, erfahren wir hier etwas über die „Strategien, die Leute an den Tag legen, um ein Ereignis, das aus der eigenen Biographie katastrophisch ragt, ins Weiterleben zu integrieren, sich das eigene Leben schlüssig erzählen zu können“ (Sebastian Markt). Der Film wirft viele Fragen auf, weitaus mehr als er beantwortet: eine Einladung zur Diskussion.

Sascha Anderson © DPA, click to view source

Als shining star der prenzlauerberger Dissidentenszene hat Sascha Anderson ca. 15 Jahre lang in Küchen und Kneipen seinen Freundeskreis belauscht und unter verschiedenen IMF(F= mit Feindverbindung)-Identitäten denunziert. Anfang der Neunziger Jahre wurde Anderson seine Spitzeltätigkeit – die weder mit Erpressung noch mit finanzieller Entlohnung einherging – nachgewiesen und von Wolf Biermann öffentlich gemacht. Und nun, rund 20 Jahre später, ein filmisches, ja was, Portrait… Charakterstudie… Erklärungsversuch? Wir kommen Anderson im Film nicht nahe, die Kamera gibt uns keinen verweilenden Moment, wo wir ihn wirklich einmal betrachten, ihm ins Gesicht schauen können. Visage und Charakter bleiben ein Rätsel. Motiv, Beweggrund, was ist das für ein Mensch, was trieb ihn an, wie lebt er mit der Schuld, kann so jemand nachts schlafen, WARUM? Der Film gibt darauf keine Antwort.

Von den Freunden gefällt mir der Kameramann Lars Barthel am besten. Sein warmes sympathisches Gesicht steht im deutlichsten Kontrast zu der gräulichen Verkniffenheit von Sascha Anderson. Ein Vers Andersons wird immer wieder zitiert, hier fett gesetzt:

Elegie VII // Wirst Du, Kartenhaus, mich mit dem dreiunddreißigsten / Deiner Bilder betrüben, oder ist es naiv / Wenn die Grenze mir einstürzt, das Äußerste, zu wagen, / das Medium, das Herz, für die noch schönere Münze. / Vor dem Gartenhaus stehen drei Birken, die heißen / Schuld und Sühne, ich weiß, welche die Liebste mir ist //

Mag sein, dass die dritte und liebste Birke (der Wunsch nach) Erlösung, Vergebung oder Absolution ist. Aber wir wissen es nicht.

>>Weiterführende Lektüre: das Interview von Iris Radisch mit Anderson von 1991, ein Artikel von Sascha Anderson von 2010 in der freitag, und die Mitschrift eines Publikumsgesprächs nach einer Lesung aus der Autobiografie im Kaffee Burger von 2002

>>“Anderson“ ist weiterhin in der ARD-Mediathek verfügbar

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