#in der u-bahn entdeckt: Aus aktuellem Anlass

 

Ach, besser wär’s, ihr alten Knaben

Ein Rückgrat überhaupt zu haben

Im Leben und daheim im Laden

Und nicht bei völkischen Paraden.

~ Klabund

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#film: ANDERSON. Kein richtiges Leben im Falschen.

Der Film Anderson von Annekatrin Hendel lässt mich ratlos und aufgewühlt zurück. Es ist eine Annäherung an Sascha Anderson, ehedem schillernder Kulturpapst der Ostberliner Undergroundszene und Stasi-Spitzel. Der Film bittet auch seinen Freundeskreis von damals zu Wort, jene Verratenen, die er jahrelang ausspionierte. Als Zuschauer, so sollte man meinen, erfahren wir hier etwas über die „Strategien, die Leute an den Tag legen, um ein Ereignis, das aus der eigenen Biographie katastrophisch ragt, ins Weiterleben zu integrieren, sich das eigene Leben schlüssig erzählen zu können“ (Sebastian Markt). Der Film wirft viele Fragen auf, weitaus mehr als er beantwortet: eine Einladung zur Diskussion.

Sascha Anderson © DPA, click to view source

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#weirdandwondrous: Das Theremin

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Quelle: Wiki Commons

Ich habe erst einmal ein Theremin live erlebt: bei einem Auftritt der Punkband PISSE im SO36. Die Band bestand an dem Abend aus Schlagzeug, Gitarre und dem enigmatisch anmutenden Theremin. Das ist ein elektronisches Musikinstrument, welches berührungslos gespielt wird, äußerlich in seiner modernen Form ein kleiner flacher Kasten mit zwei Antennen. Die eine Antenne ragt senkrecht nach oben, die andere geht waagerecht zur entgegengesetzten Seite. Das Besondere ist nun, dass man damit wie von Geisterhand Töne erzeugen kann, ohne das Instrument anzufassen: Der Spielende steuert Tonhöhe und Lautstärke mit Gesten. Das sieht magisch aus und hört sich auch so an. Der Schöpfer spielt auf seiner Schöpfung:

Der Instrumentenname stammt von seinem Erfinder (oben abgebildet), dem Russen Leon Theremin, „#weirdandwondrous: Das Theremin“ weiterlesen

#ausstellung: „Licht and Tenebrae“ im HilbertRaum

Noch bis zum 7. Februar läuft eine schöne kleine Ausstellung im HilbertRaum in Neukölln. Sie trägt den etwas sperrigen dreisprachigen Titel „Licht and Tenebrae“, zu sehen sind Fotos und Videos. Eine Fotoinstallation hat mich besonders berührt: „Mami“ von Nat Tafelmacher-Magnat.

Das argentinische Kosewort für Großmutter ist Mami. In einem winzigen Raum sind Fotos zu sehen, die Nats Großmutter in verschiedenen Lebenphasen zeigen. Sie heißt Carmen, wie mir Nat erzählt, und ist 98 Jahre alt. Sie leidet an Alzheimer, so dass die Erinnerung an ihre eigene Vergangenheit schattig ist. Die Fotoquellen bestehen jeweils aus einer Fahrradlampe, einer Lupe und einem Dia; das Bild wird so auf Papierstreifen geworfen, die im Raum hängen. An der Wand, unangestrahlt, hängt zusätzlich ein großes aktuelles Foto von Mami. Diese ist offensichtlich bettlägerig, mit eingefallenem Gesicht, sie wirkt entrückt, man weiß nicht ob sie wach ist oder schläft, ob sie ansprechbar wäre. Ein stilles Leuchten liegt dennoch auf ihrem Gesicht.

Davor baumeln jüngere Versionen von Mami im Raum, als Kind und jüngere und ältere Frau – Bilder, so erzählt Nat auch, auf denen ihr ihre Großmutter fremd war, wie sie sie selbst nicht gekannt oder erlebt hat. Es sind Bilder aus dem Familienfotoalbum wie wir alle sie kennen, und darin liegt auch der Zauber dieser Installation. Mami könnte auch meine Oma sein. Meine eigene Großmutter ist auch über neunzig Jahre alt geworden, auch sie war in ihrem letzten Lebensjahr dement, kurz vor ihrem Tod hat sie mich nicht mehr erkannt.

„Mami“ ist ein einfaches Tableau, das mir etwas über Fragilität erzählt. Ich verstehe es auch als Plädoyer, den Augenblick zu ehren. Denn wer weiß, was bleibt.

#netzlese: Einsamkeit

Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit einem Bekannten, welches immer noch nachhallt. Er sprach über seine bodenlose Einsamkeit, die ihn schier verzweifeln lässt. Er ist in gewissem Sinne ein Präzedenzfall für das heutige urbane Leben: er hat knapp Tausend Facebook-Freunde, bewegt sich in großen Cliquen durch das Berliner Nachtleben und hat keinerlei Probleme, Sexualpartner*innen zu finden. Und dennoch fühlt er sich einsam weil unverbunden. Es geht also um das Phänomen, sich in Gesellschaft einsam zu fühlen.

Das kenne ich auch. Die letzte Situation, die sich mir eingeprägt hat war ein Abend bei einer guten Freundin, wo wir mit ca. acht Leuten auf Sofas saßen, Wein tranken und Snacks aßen, Musik hörten und uns unterhielten, eigentlich beste Voraussetzungen für eine schöne gemeinsame Zeit. Die Konversation bestand aber fast ausschließlich aus „ironischem Kommentieren“ – „#netzlese: Einsamkeit“ weiterlesen

#fazit: Fragen zum Jahresresümee

Ich hatte mal einen guten Freund, der sich jedes Jahr mit großem Zeitaufwand sein Jahresheft zusammengestellt hat. Das waren schlichte selbstgebastelte Buchhefe im DIN-A-4-Format, die aus Texten und Fotos bestanden, hier und da ergänzt durch ein Flugblatt, eine Eintritts- oder Postkarte, ein getrocknetes Herbstlaubblatt. Diese Arbeit hat er immer zwischen den Jahren verrichtet und es war ihm wichtig, am Jahresende sein Heftbuch in den Händen zu halten und zu sehen, worin sein Jahr bestanden hatte. Mir hat diese Form der Visualisierung gefallen und ich durfte in manchen Jahren durch das aktuelle Heft blättern, was ich als Ehre empfand.

Auch ich bin eine Freundin des Resümees. Meist schreibe ich es, oder ziehe mit Freunden ein mündliches Fazit. Grade bin ich bei facebook über Fragen gestolpert, die sich gut zum Fazitziehen eignen. Da es ein ganzer Katalog war, habe ich dreizehn Fragen ausgewählt „#fazit: Fragen zum Jahresresümee“ weiterlesen

#resilienz: „In Catastrophic Times – Resisting the Coming Barbarism“ by Isabelle Stengers

isabelle_stengersMercedes Bunz hat den Link heute auf facebook geteilt. Der Titel des Buches von Isabelle Stengers scheint hochaktuell und so habe ich geklickt. Ich landete bei meson press, einem open-access Forschungs- und Publikationskollektiv. Dort steht das Buch als PDF-Download bereit. Aus der Einleitung (meine Hervorhebung):

It is not a question here of demonstrating that the decades to come will be crucial, nor of describing what could happen. What I am attempting instead is of the order of an “intervention,” something that we experience during a debate when a participant speaks and presents the situation a little differently, creating a short freezing of time. Subsequently, of course, the debate starts again as if nothing had happened, but some amongst those who were listening will later make it known that they were touched. That is what happened during a debate on Belgian television about global warming, when I suggested that we were “exceptionally ill-equipped to deal with what is in the process of happening.” The discovery that such a remark could function as an intervention is the point of departure of this essay.

Es geht um die Folgen des Spätkapitalismus, die uns alle betreffen: Klimawandel, Ressourcenverknappung, Umweltkatastrophen und die sich immer weiter verschärfende weltweite soziale Ungleichheit. Ich habe es mir heruntergeladen und bin gespannt auf die Lektüre.

#sundaymusing: Ü B E R D I E L I E B E

Die folgenden Zeilen über die Liebe habe ich mir kürzlich notiert weil ich fand, dass sie stimmen, leider ohne Quelle. Die Originalformulierung war blumiger, ich habe sie zum Schlichteren hin verkürzt. Vermutlich stammen sie aus einem der vielen Newsletter, die ich abonniere, wenn ich mal wieder denke, ich bekomme zu wenig Newsletter (WTF?!). Ich markiere sie hier jedenfalls als Zitat:

„Love is not what you want. It is what you are.
It’s important to not get these two confused.

If you think that love is what you want, you will go searching for it.
If you think love is what you are, you will go sharing it.

Yet you cannot give love in order to get it. Doing that is as much as saying you do not now have it. And that statement will then be your reality. You may give love because you have it to give. In this will you experience your own possession of it.“

Ich bin durchaus offen für erbauliche Gedanken aus den Untiefen der Weltkulturgeschichte. Ich finde es großartig, wie Maria Popova -in ihren eigenen Worten „interestingness-hunter-gatherer“ – das auf Brainpickings umsetzt. Ihr Newsletter kommt immer wieder sonntags, und ist für mich the gentlest of all reminders, die Seite zu besuchen (seit Kurzem auch mobiloptimiert). Manchmal reicht es schon, den Betreff zu lesen, um ein Micro-Uplifting zu erfahren. ♥ „#sundaymusing: Ü B E R D I E L I E B E“ weiterlesen

#more energy: Elizabeth Gilbert on toxic habits

Ich teile einen längeren Text von Elizabeth Gilbert. Sie ist die, die „Eat, Pray, Love“ geschrieben hat, ein Buch, das ich richtig kacke fand – obwohl ich es im Urlaub am Strand gelesen habe. Aber es war immens erfolgreich und wurde starbesetzt verfilmt. Es geht um den Selbstfindungstrip einer weißen priviligierten Frau, nämlich Elizabeth selbst, nach ihrer Scheidung. Sie durchläuft dabei die im Buchtitel erwähnten Stationen in Italien, Indien, Indonesien (wo auch sonst?) und erlebt unterwegs die offensichtlichen Abenteuer. Way. Too. Fucking. Obvious. Nach dem Buch war ich fertig mit Elizabeth Gilbert.